Leseproben aus "Planet Basketball"

Ein paar Impressionen gefällig? Hier findet ihr Leseproben aus dem Buch - als Text und als PDF.

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PLANET BASKETBALL Leseprobe: Allen Iverson

 

„Allen Iverson steht vor zwei Türen. Nimmt er endlich die richtige?“ Der erste Satz, der in FIVE über Allen Iverson geschrieben wurde. Und ehrlich gesagt der perfekte Satz als Intro. Denn uns hat er in den zehn Jahren seither keine zufriedenstellende Antwort auf die Frage gegeben. Aber dazu später mehr. Geschrieben jedenfalls wurde der Satz in Ausgabe eins, der Premieren-Issue also. Eine ganz besondere Ausgabe aus naheliegenden Gründen, für die wir die über all die Jahre aufgestaute Kreativität mit der Schaufel ins Heft schippten. Wir waren „free at last“, durften schreiben, wie wir reden – und keine Frage, wir liefen damals ein wenig Amok, bewaffnet mit Filmzitaten und Allegorien, Metaphern und Gangsta-Slang.


Meine Story über A.I. war so ein Fall. Alleine die Konsequenz, mit der ich das „Matrix“-Thema hier verarbeitete. Aber es war ja auch ein ambitionierter Artikel: Es galt, das Spannungsfeld zu beschreiben, in dem sich dieser ewige Rebell bewegte: Auf dem Feld, wo man hin- und hergerissen sein musste in der Bewertung seines hingebungsvoll-ballverliebten Spiels. Und abseits des Courts, wo er beständig Mist baute, gleichzeitig über den Umweg eines MVP-Titels sowie dank des Finaleinzugs 2001 irgendwie dann doch Teil des NBA-Establishments geworden war. Die Lobeshymnen, die mit solch einem Erfolg einhergehen, hallten damals in der Liga immer noch nach. Vielleicht konnte man ja doch Titel erringen mit der One-on-Five-Show, solange „der Eine“ nur gut genug war? Somit war die Kritik am Ego-Style des kleinen Mannes leiser geworden. Zudem schien sich so etwas wie der Hauch eines Anflugs einer Ahnung eines Reifeprozesses anzudeuten. Irgendwie wurde Allen Iverson gerade ein bisschen anders – oder wurde die Liga ihm ähnlicher?

 

„THE ANSWER RELOADED“

2003

 

Der Reload beginnt mit der Niederlage. 2-4 crashen gegen Detroit im Conference-Halbfinale die Playoffhoffnungen der Sixers, und Allen Iverson ist allein. Allein mit seinem Scheitern und der Frage nach dem Warum. Jahrelang hat der Auserwählte auf dem Court nicht überlegen müssen. Lücken in der Defense sah er, bevor sie da waren, Gegenspieler bewegten sich neben ihm wie in Zeitlupe. Der Rest war eine einfache Rechenoperation: Spieler A mit allem Talent der Welt, Hops und einem Crossover, der so ill ist, dass er eigentlich verschreibungspflichtig sein müsste, zieht gegen Spieler B, C und D zum Korb. Ergebnis: zwei Punkte, unter Umständen plus Foul und Freiwurf. Jahrelang konnte jeder Atari diese Rechnung lösen. Doch gegen Detroit hat sich der Programmiercode geändert. Der Auserwählte, der jahrelang in der Matrix las wie in einem Buch, produziert einen Ballverlust nach dem anderen (4,7 TO). Er schießt die Korbanlage zu Klump (38,6 Prozent FG%), und sein Team sieht einen höchst verwundbaren Allen Iverson. „Er kriegt seine Würfe. Er muss sie nur treffen“, urteilt Nets-Coach Byron Scott, der den möglichen Ost-Finalgegner scoutet. Allen ist müde und ausgebrannt. Zum ersten Mal in seiner Karriere hat er alle 82 Saisonspiele absolviert, 42,5 Minuten im Schnitt auf dem Feld gestanden. Langsam machen sich die zahllosen Verletzungen bemerkbar, die er über die Jahre einstecken musste. Langsam zeigt sich das fehlende Training, die geschwänzten Einheiten im Kraftraum. Iverson ahnt es: Die Jahre, als Speed und Talent ausreichten, um die Liga zu dominieren, sind vorbei. Irgendwo zwischen den Niederlagen wächst die Erkenntnis, bahnt sich der Selbstzweifel den Weg. Bis der Auserwählte den Reload beginnt.


Sieben Jahre lang war „Keeping it real“ die Religion des Auserwählten. Eine Religion, die keine Veränderung zuließ. Seine Mission war der Kampf um seine Selbstbehauptung – gegen ein System, das ihn umschreiben wollte. Der Kampf begann 1996, als die 76ers Iverson mit dem ersten Pick der NBA-Draft in die Matrix hochluden. In diesem System ist damals kein Platz für jemanden wie Iverson. Die Tattoos, Cornrows und Baggy-Shorts – das Ghetto-Image des Youngsters passen nicht in das schöne, medienfreundliche Bild der Liga. Die programmiert sich ihre Stars gerne selbst: sauber und werbewirksam, mit gerade so viel „Street-Cred“ wie nötig. Doch den Code, den die Straßen von Newport News und die Freiplätze von Hampton geschrieben haben, kann die NBA nicht ändern. Iversons Programm ist immun. 

 

Dafür kreist der Auserwählte viel zu eng und viel zu stur um sein Zion: die alten Freunde, die alten Werte, die alte Hood, die Spielweise, wie er sie kennengelernt hat. Egal, was Teambesitzer Pat Croce über seine Homies sagt, was sein Coach über Mannschaftsspiel und Training sagt, wie die Liga über sein Gangster-Image schimpft: Er folgt seinem eigenen weißen Kaninchen. Denn Kritik und Anfeindungen ist Neo gewohnt. Er kennt sie seit seinen Highschool-Tagen. Seit seiner Verhaftung 1993 nach einer Massenschlägerei in einer Bowling-Anlage ist seine Vergangenheit das Einzige, was schneller ist als Allen Iverson: Egal, wohin er geht, sie ist schon da. „How’s OJ?“ und „Go back to jail!“ brüllen die Zuschauer bei den Auswärtsspielen seiner Uni. Es ist eine harte, aber wichtige Schule, die Iverson in Georgetown überstehen muss. Als A.I. nach zwei Jahren College in die Liga kommt, ist der Auserwählte vorbereitet auf den Kampf mit der Matrix, ohne Illusionen über die schöne neue Welt. Er sieht die Fehler in der Matrix, die alle anderen nicht sehen. „Jetzt, wo ich auch die negativen Seiten kennenlerne – jetzt sehe ich erst das ganze Bild“, sagt er.

 

A.I. ist wie ein Virus. Die NBA wird ihn nicht los, im Gegenteil. Er infiziert andere. Wächst und wächst. Wird zum Star der Sixers. In seiner Rookiesaison macht er fünf Spiele in Serie über 40 Punkte, wird „Rookie of the Year“. Noch nie hat die Liga einen so kleinen Spieler gesehen, der so mühelos größere Gegenspieler dominiert, so furchtlos zum Korb zieht. „Ich habe nie gegen einen Spieler wie ihn auf dem Court gestanden“, sagt Nets-Coach Byron Scott heute. Noch nie hat die Liga so einen schnellen Spieler gesehen. „Ich habe oft Gegenspieler gesehen, die ihn aus Frust oder als letzten Ausweg foulen wollten, es aber partout nicht geschafft haben, ihn überhaupt zu berühren, weil er so verdammt schnell ist“, erinnert sich Ademola Okulaja aus seiner Zeit bei den 76ers. Über die Jahre wächst der Virus weiter, und die Matrix versucht alles, ihn zu ändern. Sie hat ihre Agenten überall: Sie sind es, die Iversons Rap-Album als „asozial und beleidigend“ (Commissioner David Stern) bezeichnen und ihn überzeugen, auf den Release von „40 Bars“ zu verzichten. Sie sind es, die für das Cover der offiziellen Liga-Publikation „Hoop“ am Computer zahlreiche von Iversons Tattoos entfernen. Und sie sind es, die sein Spiel und seine Trainingsmethoden zu ändern versuchen. Larry Brown und sein Coaching Staff gehören dazu. Denn Allen kennt nur eine Art, zu spielen und zu leben. Er trainiert ungern, fehlt immer wieder, meidet den Kraftraum, ernährt sich schlecht, feiert Partys. „Er hat sich damals in der Toilette versteckt, wenn die anderen Gewichte stemmten“, erinnert sich John Croce, ehemals Assistant Coach in Philly. „Zum Frühstück hat er 20 oder 25 Tacos gegessen, und danach hat er den ganzen Morgen auf der Toilette verbracht. Meistens hieß es noch: ‚John, ich bin gleich im Kraftraum‘, und schon war er weg. Ich hab ihn damals Casper genannt, wie diesen kleinen Geist aus dem Film.“ Nach den ehernen Konstanten der Matrix ist das der falsche Weg, der der Coaches ist der richtige.


Doch je länger der Kampf dauert, desto mehr verschmelzen die Liga und ihr Neo. Über die Jahre nähern sie sich an. Der Auserwählte verfeinert sein Spiel, wenn auch ohne große Änderungen anzugehen. Er entwickelt sich vom Egozocker zum Anführer seines Teams und schießt seine Sixers 2001 bis ins NBA-Finale gegen die Lakers. Die Belohnung der Liga: der MVP-Titel im selben Jahr, ebenso wie der MVP-Award beim All-Star-Game 2001. Und in diesem Sommer: die Nominierung für das Team USA. Es ist der größte Triumph im Kampf mit der Liga. „Ich bin einfach froh, dass ich es geschafft habe, ohne meine Haare abzuschneiden oder meine Tattoos weglasern zu müssen, ohne einen Anzug zu tragen oder nicht mehr mit meinen alten Freunden rumhängen zu können“, sagt er beim Trainingscamp. Das bedeutet die Welt für mich.“ Doch mit diesem Sieg hat etwas Neues begonnen. Schon vorher, im Juni 2003, nach der Playoffschlappe gegen Detroit, hat der Reload des Auserwählten seinen Anfang genommen. Der neue Iverson ist ein anderer als der unermüdliche Kämpfer gegen die ehernen Grundsätze der NBA. Nach sieben Jahren ist Neo bis in den Mainframe der Matrix vorgedrungen und hat sich für eine der beiden Türen entschieden. Für einen Weg, der zum Titel führen soll und unterwegs in Mehrpassen, Mehrtrainieren, Mehrpumpen und Wenigerfeiern Station macht. „Es ist nicht so, als würde ich mich jetzt anders anziehen oder meine Haare abrasieren“, erklärt er. „Aber ich bin bereit, ein echter Mann zu werden. Ich will nicht, dass die Leute mich angucken und denken: ,Oh, jetzt baut er schon wieder Mist.‘ So bin ich nicht mehr. Ab sofort bin ich der erwachsene Typ."

[...]

„Ich habe die Scoring-Titel, die All-Star-Games und den MVP-Award“, sagt er. „All das treibt mich längst nicht mehr an. Es sind Erinnerungen und Erfolge, die ich für den Rest meines Lebens schätzen werde. Aber ohne eine Championship bedeutet all das nichts.“ Der Auserwählte versteht die Matrix. Grüne Zahlenkolonnen flimmern vor seinen Augen.

 

Okay: Wer das spätere Ende des Auserwählten kennt, der weiß, dass die Zahlenkolonnen wahrscheinlich wegen des Flachmanns im Spind vor den Augen flimmerten … Und doch begann in diesen Monaten tatsächlich so etwas wie eine zweite Phase in der Karriere des Superstars. Insofern hatten wir bei allem Metapher-Overkill doch eine ganz gute Nase. Zyniker könnten das, was fortan passierte, auch kurzerhand seinen langen Abstieg nennen. Denn A.I. sollte nie Meister werden, nie wieder die Finals erreichen, nie wieder eine Playoffserie gewinnen. Und wenn auch seine damalige Erkenntnis richtig war, dass Athletik und Talent nicht länger reichen würden, so blieben die Konsequenzen dann irgendwie doch auf halber Strecke: 100 Prozent Anführer, Teamleader, Gewinner wurde er nicht mehr. Gleichzeitig vollzog sich tatsächlich irgendwie eine Wandlung. Auch wenn „The Answer“ niemals als klassischer Spielgestalter durchging, so war der Wurffinger erkennbar nicht mehr auf Dauerfeuer eingestellt. Und dieser Entwicklung widmete ich 14 Ausgaben später einen Artikel, den wir sogar als Teil unseres „Point Guard Specials“ herausbrachten. Klar: Wir wollten damit auch die große Bandbreite der Spielertypen abbilden, die in der Liga die Kapitänsbrücke bemannten. Aber parallel sollte auch genau dieser lang erwarteten Entwicklung Rechnung getragen werden. War der ewige Egozocker jetzt so etwas Ähnliches wie ein Spielmacher? Aus „Mister Ich, Ich, Ich“ sollte eine Passmaschine geworden sein? 

 

MEHR ZU ALLEN IVERSON, WIE ER FÜR EINE WEILE WIRKLICH VERSUCHTE, AUFBAU ZU SPIELEN, UNSER INTERVIEW MIT A.I., SEIN TRADE NACH DENVER SOWIE DAS TRAURIGE ENDE IN MEMPHIS/PHILLY GIBT ES IN UNSEREM BUCH "PLANET BASKETBALL"

 

 

PLANET BASKETBALL Leseprobe: Steve Nash

 

Sorry, Siggi … excuse me, Chris: Shawn Bradley und Chris Kaman mögen beide als „naturalisierte Deutsche“ den Weg aus der NBA ins deutsche Nationalteam gefunden haben. Doch der „eingedeutschteste“ aller NBA-Akteure heißt Steve Nash. Keinem anderen Profi aus Übersee schlägt in Deutschland eine ähnlich anhaltende und ausladende Welle der Sympathie entgegen wie dem klein gewachsenen Kanadier. Und bei aller Loyalität zu den jeweiligen Lieblings-Stars – ob LeBron, Kobe oder Durant – bildet Nash (nach Dirk) den größten gemeinsamen Nenner der hiesigen Basketballgemeinde. Das liegt natürlich an vorderster Front an seinem Werdegang: Als bester Freund Dirk Nowitzkis und langjähriger Teamkollege gehört Nash irgendwie zur Familie. Ganz Basketball-Deutschland betrauert bis heute das Ende der gemeinsamen Ära des Duos aus „Dirty“ und „Nasty“ in Dallas. Dirk und Nash – vielleicht hätten sie einander den bis heute fehlenden Titel schenken können …

Doch es ist eben nicht der Mavericks-Stallgeruch, der Fans in DE für den Aufbau der Phoenix Suns einnimmt. Es ist vor allem das zweite Kapitel seiner Karriere als Kernschmelze ebenjener Suns, wovon die Fachwelt fasziniert ist. Er, der mit seinen 1,91 Meter in keiner Bahnhofshalle hervorstechen wurde, erwies sich in Arizona als eine der wundersamsten Ausnahmeerscheinungen der Liga. Ein Aufbau alter Schule, aber doch mit einem völlig neuen Stil. Ein Teamspieler ohne jede Profilneurose – und genau dadurch Dauer-All-Star, Medienliebling und nicht zuletzt zweifacher MVP.

Nash hatte die Mavericks kaum verlassen, da wurde sein Einfluss auf die vormalig mittelmäßigen „Sonnen“ spürbar. Die uneigennützige, vor allem aber hocheffiziente Spielweise Nashs funktionierte sofort und sollte ein Phänomen schaffen, das wenig später als Amerikas Lieblingsteam landesweit die Bildschirme belegte. Nash, das merkte FIVE damals schon, war für sein neues Team das ultimative Upgrade.

 

 

„DAS UPGRADE“

2005

 

Steve Nash hatte seine Zweifel. Egal, wie verheißungsvoll es klang, was die Delegation aus Phoenix ihm erzählte. Egal, wie fett die Zahlen in seinem neuen Vertrag waren, den er nur noch unterschreiben musste. Egal, wie gekränkt er war, dass sein aktuelles Team, die Dallas Mavericks, ihn offensichtlich nicht so weit oben auf ihrer Prioritätenliste hatten wie die Suns. Trotz alledem: Er hatte Zweifel. Immerhin müsste er, würde er unterschreiben, alles zurücklassen. Die Franchise, die ihm die Gelegenheit gegeben hatte, zum Starter und All Star zu reifen. Den Traum vom Titel, den er immer öfter geträumt hatte, je erfolgreicher die vormalige Loser-Truppe aus Big D wurde. Und die Menschen, die er „Freunde auf Lebenszeit“ nennt, Dirk Nowitzki und Michael Finley. Ein unsicheres Gefühl blieb, als sich Steve Nash schließlich entschied, den Sprung ins Ungewisse zu riskieren. Er unterschrieb das Angebot der Suns. Dass er aus dem jungen Team, das in der vergangenen Saison nur 29 Spiele gewinnen konnte, eine playofftaugliche Mannschaft machen würde, dessen war er sich sicher. Der Rest stand jedoch in den Sternen. „Wir wussten, dass wir ein Team sein würden, das hohes Tempo geht, den Fans Spaß macht und dabei hoffentlich erfolgreich ist“, erinnert sich Nash heute, ein halbes Jahr später, an die Erwartungen im Sommer 2004. „Ich hatte allerdings keine Ahnung, dass wir so viele Spiele gewinnen würden.“ Viele Spiele haben sie in der Tat gewonnen. Sieben von acht in der Vorbereitung, vier ihrer ersten sechs Begegnungen der regulären Saison. Bis dahin ein solider Start in die neue Spielzeit, nichts weiter. Erst als Phoenix in der Folge neun und noch einmal elf Begegnungen in Serie gewann, machte sich in Arizona langsam das Gefühl breit, dass dieses Team etwas Besonderes sein könnte.


„Nicht viele Mannschaften können so einen Lauf hinlegen“, sagt Nash. Belohnt wurden die Suns mit gleich drei Auszeichnungen im Monat November. Amar’e Stoudemire und Shawn Marion wurden nacheinander zum „Player of the Week“ im Westen gewählt, Nash sogar zum „Player of the Month“ der Western Conference gekrönt. Einen Monat später wurde Headcoach Mike D’Antoni zum „Coach of the Month“ gewählt. Belohnung für einen bemerkenswerten Umschwung in Phoenix. Angeführt von ihrem neuen Aufbau zelebrieren die Suns ein Run-and-Gun-Game, das mit „überfallartig“ ziemlich genau beschrieben ist. 109,4 Punkte erzielen sie pro Spiel, der Top-Wert der gesamten Liga und gut acht Punkte mehr als die zweitplatzierten Sacramento Kings. Was zwar schön anzusehen, aber nicht besonders außergewöhnlich wäre, wenn Phoenix nicht gleichzeitig die beste Bilanz der NBA hätte (28-4 damals) und bei gleichbleibender Siegquote zu Saisonende mit 72 Wins das erfolgreichste Team der Geschichte wäre.


Dabei schien all das vor einem halben Jahr – Prä-Nash – noch undenkbar. Die Saison 2003/04 war mies gelaufen und Phoenix tief unten. 29 Siege. Playoffs verpasst. Das Momentum des Vorjahres, als die Suns mit ihrem Rookie-Phänomen Amar’e Stoudemire und Stephon Marbury in Playoffrunde eins nur knapp am späteren Meister San Antonio scheiterten – dahin. „Starbury“ war nach nur anderthalb Monaten getradet worden. Ohne ihren Denker, Lenker und Topscorer waren die Suns zum Lottery-Team verkümmert. Trotz eines gewohnt konstanten Shawn Marion, trotz eines verbesserten Amar’e Stoudemire und eines Joe Johnson in Bestform. Doch es fehlte der Kopf des Spiels. Kein Marbury, kein Jason Kidd mehr. Die Gegenwart hieß Leandro Barbosa, ein talentierter und hart arbeitender Guard aus Brasilien, der aber einfach noch nicht reif für den Posten des Starters war. „Leandro wusste noch nicht, wie man alle Mitspieler in der Offense mit einbezieht; also musste jeder auf eigene Faust seinen Wurf kreieren“, analysiert es der Spielerdirektor der Suns, David Griffin. Der Fahrplan für den Sommer war somit klar: Ein echter Point Guard musste her. „Steve Nash zu kriegen war das klare Ziel, als die Free-Agent-Periode begann“, verriet Suns-Präsident Bryan Colangelo später. Die Operation „Nash“ wurde darum geplant wie ein Staatsstreich …


Wir schreiben den 01. Juli 2004. Nash kommt gerade von seinem Urlaub in Europa zurück und will die Vertragsverhandlungen schnell über die Bühne kriegen. Seine Optionen sind schon lange klar. Die Mavs stehen oben auf der Wunschliste, danach folgt nur ein einziger Name: Phoenix. Die Stadt, in der seine NBA-Karriere 1996 begonnen hatte. Am Nachmittag trifft sich eine Delegation der Suns mit Nash. Ex-Teamkollege Rex Chapman überreicht „Nasty“ eine eigens zusammengestellte hundertseitige und in Leder eingeschlagene Broschüre namens „Turning Point“ – mit Berichten über die Stadt und die Franchise, Interviews mit Coach D’Antoni und Amar’e Stoudemire darüber, warum sie Nash brauchen, inklusive Biographien früherer Suns-Legenden. Auch Nashs Bio mit seinen fiktiven Erfolgen in Phoenix ist enthalten. Alle Anwesenden betonen, wie sehr sie daran glauben, dass der Kanadier ihr Team in die Playoffs führen kann. Dazu das Vertragsangebot: ein Fünfjahres-Deal mit einer Option für ein sechstes Jahr über bis zu 65 Millionen Dollar. Während die Suns von allen Seiten Zuneigung feuern, haben die Mavs Ladehemmung. Obwohl die Delegation aus Phoenix sich dagegen sträubt, unterbricht Nash das Meeting und ruft Teambesitzer Mark Cuban an, um ihm die Chance zu geben, das Angebot zu überbieten. „Cubes“ bietet jedoch nicht mehr als 45 Millionen für vier Jahre plus Teamoption auf ein fünftes. Er will einem 30-Jährigen keinen so langen Vertrag anbieten. Vom Managementstandpunkt durchaus verständlich – und trotzdem ein ziemlich fetter Diss. „Ich bin nicht der Typ, der viel Aufmerksamkeit braucht, andererseits war es ein Unterschied wie Tag und Nacht. Jeder ist doch irgendwo unsicher, da hinterlässt es einen Eindruck, wenn Leute wirklich an dich glauben, dir vertrauen und in dich investieren wollen“, erinnert sich Nash an seine Gefühlswelt. Er unterschreibt und ruft als erste Amtshandlung seine Freunde und – jetzt – Ex-Teamkollegen „Filthy“ und „Dirty“ an, Michael Finley und Dirk Nowitzki. „Sie haben sich für mich gefreut, waren aber offensichtlich enttäuscht“, erinnert er sich. „Wir waren der Meinung, dass es ein Glücksfall gewesen ist, dass Steve bis hierhin so wenig verletzungsanfällig war – und dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis seine aggressive Spielweise ihn einholen würde“, rechtfertigt Cubes seine Entscheidung. Nowe beantwortet danach wochenlang keinen Anruf seines Arbeitgebers. 24 Stunden zuvor sah Nash sich seine Karriere noch in Dallas beenden. Jetzt muss er sich verabschieden. Ohne Titel und mit Wut im Bauch. „Aber ich habe keine Zeit, darüber zu weinen. Dafür laufen die Dinge viel zu gut in Phoenix“, sagt Nash heute.

 

Recht hat er. Es läuft sogar so gut, dass der Mann mit der 13 auf dem Rücken als bester Point Guard der aktuellen Saison gilt und seinen Namen immer öfter im Zusammenhang mit dem MVP-Award hört. Seit Magic Johnson 1990 wurde kein Aufbauspieler mehr zum wertvollsten Spieler gekrönt. Doch Steve hat einen Haufen Argumente auf seiner Seite. Denn sein Wert für die Suns ist alleine mit seinen starken Stats – darunter die beste Trefferquote seiner Karriere (52,3 Prozent aus dem Feld) und die meisten Assistenten pro Spiel in der NBA (11,0 Assists im Schnitt) – nicht zu beschreiben. Schon seit Tag eins ist Nash der Anführer des jüngsten Teams der Liga. Er war es, der als einer der ersten Spieler zu inoffiziellen Workouts antrat und seine Teamkollegen bewegte, den Urlaub zu beenden und den Arsch nach Phoenix zu schwingen. Er mietete vor Saisonbeginn ein Kino, damit das ganze Team abseits des Courts zusammenfinden konnte. Und auf dem Feld organisiert er die Offense, verteilt den Ball und sorgt dafür, dass alle glücklich sind. „Es macht einen Riesenspaß, mit so vielen unglaublichen Offensivspielern zusammenzuspielen“, sagt er. „Natürlich ist es manchmal schwer, jeden mit einzubeziehen, aber genau das macht den Spaß aus.“

 

[...]

 

MEHR ZU STEVE NASH, WAS ER MIT DER CHAOSTHEORIE ZU TUN HAT, WIE SEINE SUNS AUCH OHNE AMARE STOUDEMIRE EIN PLAYOFF-TEAM BLIEBEN, UND WAS NASH SO LANGE SO GUT MACHT - ALL DAS FINDET IHR IN "PLANET BASKETBALL"